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Hallo 2023 đź‘‹, packen wir es an

Neues Jahr, neues Glück, möchte man meinen, wenn man die Aufbruchstimmung als Maßstab nimmt, die in den ersten Wochen im Gesundheitswesen herrschte. Welches Potenzial steckt also in diesem Jahr und welche Themen dominieren gerade?

Ganz schon was los im Gesundheitswesen, musste ich feststellen, als ich mich nach den ersten vier Wochen im neuen Jahr gefragt habe, wo die Branche aktuell eigentlich steht. Und ich konnte mich dieses Mal tatsächlich nicht für ein einzelnes Thema entscheiden, dass ich im Rahmen von Quo Vadis Digital Health im Januar tiefer analysiere. Es ist die Gemengelage als solche, die einen genaueren Blick verdient und mitunter bereits verraten kann, wohin die Reise im neuen Jahr gehen kann.  

Da wäre zum Beispiel die Klinikreform, das neue Großprojekt unseres Bundesgesundheitsministers, das aktuell prominent in den Schlagzeilen vertreten ist. Bemerkenswert am Status Quo hier: Wir befinden uns in einer Phase, in der bereits zahlreiche Empfehlungen mehr oder minder öffentlich diskutiert werden – noch vor dem Referentenentwurf und ohne die eigentlichen Leistungserbringer wirklich miteinzubeziehen. Diejenigen, die die Versorgung täglich stemmen, werden derzeit also noch nicht gehört. Mehr noch: Einzelne Bundesländer greifen der Reform sogar schon vor. So hat der neue niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi angekündigt, dass eine für den Umbau der Kliniklandschaft nötige Krankenhausverordnung im Bundesland voraussichtlich noch im ersten Quartal in Kraft treten könnte. Damit könnte Niedersachsen die Reform seiner Klinikstrukturen starten, noch bevor das geplante Gesetz des Bundes zur Krankenhausreform stehe, betont Philippi bei der entsprechenden Debatte im Landtag. Argumentativ zur Seite steht ihm seine Amtskollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, Stefanie Drese, die ebenfalls betont, Krankenhausplanung müsse weiter Sache des Landes bleiben. Und Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hatte bereits Anfang Januar angekündigt, das Bundesland werde zunächst seinen eigenen Weg weiterverfolgen und bis Mai Vorschläge zur künftigen Konzentration seiner Kliniken ausarbeiten. Der nordrhein-westfälische Landtag hatte 2021 ein neues Krankenhausreformgesetz verabschiedet.

Einigkeit und Aktionismus 

Das Positive einmal vorweg: Immerhin scheinen sich alle einig zu sein, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, etwas zu verändern. Das darf jedoch nicht in einen Machtpoker der Parteien ausarten und auch ein Flickenteppich mit Insellösungen auf Länderebene ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss – zumal die Kliniken ihre andere Mammutaufgabe namens KHZG noch nicht ansatzweise abgearbeitet haben und sich inflationsbedingt zudem großen finanziellen Herausforderungen zu stellen haben. 60 Prozent der deutschen Krankenhäuser würden 2022 rote Zahlen schreiben, berichtet Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender der Agaplesion gAG, im Interview mit der ARD. Und so kommt es dann eben auch, dass große Klinikverbünde ihren (Kassen)Patientinnen und Patienten nur noch Margarine anstatt Butter servieren – nicht etwas aus medizinischer Sicht, sondern weil das im Einkauf hunderttausende Euro spart, wie der Spiegel im Fall des Gesundheitskonzerns Asklepios recherchiert hat.

Das heißt konkret, dass Reformen zwar dringend nötig sind. Aus meiner Sicht muss der Austausch mit den Leistungserbringern nur deutlich engmaschiger geführt werden, als es bisher der Fall ist. Wichtig ist, dass innerhalb dieses Diskurses Lobbyisten nicht mit den Menschen gleichgesetzt werden, die innerhalb der Versorgung echte Verantwortung übernehmen, die Patientinnen und Patienten in den Fokus rücken und wertvolle Einblicke haben, was besser gemacht werden kann und vielleicht auch muss.

Gelingt dieser Dialog nicht, ist es durchaus möglich, dass die Versorgungsqualität unter der Klinikreform leidet – vor allem dann, wenn sie wirklich so isoliert betrachtet wird, wie ihr Name aktuell vermuten lässt. Denn Reform heißt auch, über Wirtschaftlichkeit und Fortbestand der heutigen Kliniken zu diskutieren. Und dann wird klar, dass eine solche Diskussion das Aus für manche Standorte bedeutet, was wiederum neue medizinische Versorgungszentren entstehen lässt und der ganzheitlich gedachten regionalen Versorgung damit einen ganz neuen Stellenwert gibt. Nötige Reformen also nicht auch sektorübergreifend zu denken (die Umsetzung kann gerne sukzessive erfolgen), wäre zu kurzfristig gedacht.

Branchenfremde Innovationen

Langfristige, sektorübergreifende Projekte sind aber auch deshalb nötig, weil anderswo bereits der Blinker zum Überholen gesetzt wird. Viele digitale Innovationen wie die Blockchain haben den Gesundheitssektor nicht einmal peripher gestreift. Das dürfte bei der rasanten Entwicklung der künstlichen Intelligenz jedoch ganz anders sein. Womit wir beim nächsten „Hot Topic“ sind, dass die Schlagzeilen im Januar bestimmt hat: ChatGPT. Der auf maschinellem Lernen beruhende Prototyp eines Chatbots kann Fragen fundiert beantworten, Aufsätze und Bewerbungen schreiben – oder eben aus Symptomen möglicherweise eine Diagnose machen, getreu dem Motto „Frag ChatGPT anstatt Dr. Google“. Zumindest im dortigen Hauptquartier machen sich die Verantwortlichen Sorgen, dass der Bot von OpenAI zu einer echten Konkurrenz für die Suchmaschine werden könnte. 

Innovationen wie ChatGPT kann man als Bedrohung, aber eben auch als Chance wahrnehmen. Denn letztendlich ist eine künstliche Intelligenz immer nur so gut, wie das Wissen, das ihr von menschlichen Experten zur Verfügung gestellt wird. Und das kann zu einer Erleichterung werden, etwa weil die KI eben mit sämtlichen Wechselwirkungen von Medikamenten gefüttert wurde, die kein Mediziner in Gänze auswendig wissen kann. Heißt das, die Ärzteschaft wird überflüssig? Sicher nicht, denn überprüft werden müssen die Informationen immer. Nur spart es immens viel Zeit, wenn man den Chatbot fragen kann, anstatt Listen zu wälzen oder eben selbst über die Suchmaschine nachzuschlagen.

Licht und Schatten

Womit wir bei einem weiteren essenziellen Thema wären: Cybercrime. Auch im Gesundheitswesen nimmt die Anzahl der Angriffe zu. Logisch mit einem höheren Digitalisierungsgrad. Das ist weder ungewöhnlich, noch stehen wir als Branche allein vor dieser Herausforderung. Wir müssen uns nur bewusst machen, dass es eine ist. Mitte Januar wurde bekannt, dass der IT-Dienstleister Bitmarck gehackt wurde. Das Unternehmen betreibt elektronische Patientenakten für 87 gesetzliche Krankenkassen. Gesundheitsdaten waren nach Unternehmensangaben nicht betroffen, allerdings konnten sich die Angreifer wohl Zugang zu Unternehmensdaten verschaffen.

Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) scheint sich dem wachsenden Interesse der Cyberkriminellen bewusst zu sein und untersucht im Rahmen eines neu gestarteten Projekts die IT-Sicherheit von Praxissoftware. Das Ziel: gemeinschaftlich mit den Herstellern, exemplarische Produkte hinsichtlich der IT-Sicherheit zu untersuchen. Das entscheidende Wort hier: gemeinschaftlich! Mit zunehmender Digitalisierung im Gesundheitswesen gilt es, auch die Sicherheitsstandards kontinuierlich zu erhöhen. Und das kann nur im Schulterschluss mit allen Beteiligten gelingen. Ziel muss es sein, Ressourcen zu bündeln. Denn nur so können sichere Clouds betrieben und unterhalten werden. Die Gefahren sind real und zu groß, um sie in Einzelkämpfermanier lösen zu können.

Was die Gemengelage – und sei sie noch so vielschichtig – jedoch deutlich zeigt: Es passiert unfassbar viel in ganz unterschiedlichen Bereichen. Das heißt: Die kritische Masse an Menschen, die im Gesundheitswesen etwas bewegen, verändern und erreichen wollen, ist erreicht. Es geht eindeutig voran und ich bin davon überzeugt, dass es mit dieser Motivation gelingen kann, dem Gesundheitssektor ein neues, digitales, patientenzentriertes und Fachkräfte schätzendes Gesicht zu geben. Die Chancen stehen gut, dass die Smart Health Evolution 2023 eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Ich für meinen Teil bin schon sehr gespannt. Denn meine Hoffnung ist, dass aus der derzeitigen Gemengelage eine wirklich übergreifende Digitalstrategie entsteht, die das Potenzial hat, die bisherigen Versorgung neu zu orchestrieren, alles richtig einsortiert. Ich würde mir wünschen, schon sehr bald die ersten Ergebnisse einer solchen Strategie analysieren zu dürfen – vielleicht an genau dieser Stelle.